18.11.18

Vortrag von Prof. Dr. Wolfgang Koch im Rahmen des Deutsch-Leistungskurses der Q2

Wie werden aus Fakten Mythen? Mit seinem Theaterstück "Leben des Galilei" hat Bertolt Brecht 1939 (UA 1943) einen Stoff aufgegriffen, der seit Jahrhunderten für kontroverse Diskussionen sorgt. Seine Konzeption des "Epischen Theaters", konkret gerichtet gegen das überlieferte aristotelische Theater, zielt auf die Veränderbarkeit der Gesellschaft. Anhand der Figur des berühmten Physikers Galileo Galilei (1564-1642) stellt Brecht den Konflikt einer Einzelperson mit den Machtstrukturen eines verknöcherten Systems dar. Dabei ging es Brecht nicht so sehr um die katholische Kirche als um das soziologische Problem der Behauptung der "Vernunft" gegenüber dogmatischer Engstirnigkeit.

Doch was ist eigentlich dran an der Darstellung des Galilei bei Brecht? Inwiefern entspricht seine Beschreibung der astronomischen Problematik der historischen und naturwissenschaftlichen Fakten? In seinem Vortrag konnte Wolfgang Koch, selbst promovierter Physiker und Professor für Angewandte Informatik in Bonn, Stück für Stück die Darstellung Brechts widerlegen, Galilei hätte als einziger die naturwissenschaftliche Wahrheit gegenüber einer vermeintlich rückständigen Kirche verteidigt. Dazu erläuterte er anschaulich das seinerzeit gängige ptolemäische Weltbild als eine mathematisch korrekte, verhältnismäßig einfache und zugleich brauchbare Theorie zur Beschreibung der beobachteten Planetenbewegungen. Als Hypothese erhob sie keineswegs Anspruch auf "Wahrheit". Da sie jedoch im Wesentlichen der Bibel entsprach, bedurfte es zu einer Neuinterpretation schon stichhaltiger Beweise, die Galilei allerdings nicht vorlegen konnte. Erst Isaac Newton im 18. Jahrhundert brachte die notwendige naturwissenschaftliche Theorie, die das kopernikanische Weltbild zu untermauern half und es zugleich überwand. Galilei habe zu dieser Debatte nichts Substanzielles beigetragen. 

Von dieser astronomischen Problemlage ausgehend, konnte Koch anhand der Figur des hl. Kirchenlehrers Robert Bellarmin, des großen, auch auf naturwissenschaftlichem Gebiet äußerst gebildeten Gegenspielers Galileis im ersten Prozess um 1611, zeigen, wie vernünftig und verantwortlich die Kirche den "Fall Galilei" zunächst behandelt hat. Dass später überwiegend menschliche und kirchenpolitische Gründe in die Entscheidung hineinspielten, Galilei zu verurteilen, wurde dabei nicht unterschlagen. Für die Auseinandersetzung mit Brechts Schauspiel allerdings hieß das, dass man nicht alles glauben darf, was ein an Naturwissenschaft wenig, an gesellschaftlicher Veränderung dafür um so mehr interessierter Theaterautor wie Brecht zum Schaden des Ansehens der Kirche den Zuschauern in seinem Stück vorlegt. Sein Plädoyer für die "Vernunft" geht leider an der historischen Wahrheit vorbei.

Aus letztlich nicht naturwissenschaftlichen Gründen wurde der "Fall Galilei" im Laufe der Aufklärung zum Paradigma einer angeblichen Feindschaft zwischen Naturwissenschaft und Glaube - ein Vorurteil, das bis heute nachwirkt, doch jeglicher historischen Wirklichkeit widerspricht. Heute wird der Fall von maßgeblichen Physikern viel differenzierter beurteilt, wie Koch zeigen konnte. Die Schülerinnen des Deutsch-Leistungskurses der Jahrgangsstufe 12 und einige Gäste konnten am 16.11.2018 im St.-Theresien-Gymnasium Schönenberg eine spannende Entdeckungsreise in die Welt der Naturwissenschaft erleben. Sie wird ihnen helfen, künftig umso mehr mit kritischem Bewusstsein Fakten und Mythen zu unterscheiden, auch und gerade im Bereich der modernen Literatur. (JL)