Unterricht bei Schwester Michaela

Der Deutschunterricht leistet einen wesentlichen Beitrag zur sprachlichen, literarischen und medialen Bildung unserer Schülerinnen. Er macht sie vertraut mit Sprache und Literatur als Mittel der Welterfassung und Wirklichkeitsvermittlung, der zwischenmenschlichen Verständigung, der Analyse und Reflexion, aber auch der Problemlösung und kreativen Gestaltung. Laut aktuellem Lehrplan der gymnasialen Oberstufe in Nordrhein-Westfalen trägt das Fach Deutsch in besonderem Maße „zur ganzheitlichen Persönlichkeitsentwicklung" bei, weshalb es sich eben nicht auf bloße Wissensvermittlung zur Vorbereitung auf Ausbildung, Studium und Beruf beschränken darf.

Um diesem Anspruch Rechnung zu tragen, reagierte das Kultusministerium in den vergangenen zehn Jahren mit einer wahren Reformwelle, die dem Deutschunterricht etwa die Lernstandserhebung in Klasse 8, die zentral gestellte Klausur in der Jahrgangsstufe 10, das Zentralabitur und die neuen kompetenzorientierten Lehrpläne hinterließ. Letztere aber eröffnen entgegen mancher Befürchtungen dem Fach Deutsch inhaltliche Freiräume, die für eine Schule wie die unsrige von unschätzbarem Wert sind, weil sie Platz bieten für Unterrichtsinhalte, die dazu geeignet sind, einem jungen Menschen Maßstäbe für seine persönliche Orientierung an die Hand zu geben, die auf einem christlich-katholischen Fundament fußen.

Was bedeutet dies nun konkret für die Gestaltung unseres Deutschunterrichts? Im Fokus der Sekundarstufe I (Klasse 5 bis 9) steht das Erlernen einer korrekten Sprachverwendung; schließlich lässt sich nur so die deutsche Sprache, die Sprache der Dichter und Denker, in ihrer ganzen Vielfalt und Schönheit erfassen. Reflexion über Sprache ist ohne einen fundierten Rechtschreib- und Grammatikunterricht nicht möglich. Darüber hinaus umfasst der Deutschunterricht in der Sekundarstufe I eine große Bandbreite der Textrezeption und -produktion. Dabei greifen wir auf Themen und Texte zurück, die uns am Herzen liegen. Ausdrücklich genannt seien hier der Gedichtvortrag, um der besonderen Ästhetik eines Gedichtes gerecht zu werden, Märchen, Fabeln, deutsches, römisches und griechisches Sagengut, Erzählungen und Novellen, etwa von Keller, Storm, Le Fort, Gotthelf, Zweig, Dramen von Schiller, Kleist oder Dürrenmatt. Auf der schulinternen Lektüreliste findet sich aber auch eine Auswahl an erprobten und für geeignet befundenen Jugendbücher.

An dieser Stelle sei ausdrücklich darauf hingewiesen, dass es der Fachschaft Deutsch ein dringliches Anliegen ist, bei der Lektüreauswahl allzu Triviales, Klischeehaftes, moralisch Bedenkliches oder gar Anstößiges von vornherein auszuklammern. Behutsam werden die Schülerinnen in die Welt der Medien eingeführt, in die Gestaltung der Printmedien, in die Strategien der Werbung, die Wirkweise des Films sowie in die Recherche in den Gefilden des Internets. Ziel ist es, sie dazu zu befähigen, zwischen Information und gezielter Desinformation unterscheiden zu können. Mehr und mehr hat auch die Berufsorientierung Platz im Deutschunterricht gefunden. Auch unsere Schülerinnen müssen sich nach ihrer Schulzeit im Dschungel der Berufe zurechtfinden, sich in der Klasse 9 um einen Praktikumsplatz oder in der Jahrgangsstufe 10 bzw. nach dem Abitur um einen Ausbildungsplatz bewerben.

In der Sekundarstufe II, die nunmehr mit der Jahrgangsstufe 10 beginnt, kommt dem Fach Deutsch als Leistungskurs (ab Jahrgangsstufe 11) eine nicht unbedeutende Rolle bei der Aufgabe zu, die Schülerinnen auf ihrem Weg zu einer Lebensgestaltung nach christlichen Gesichtspunkten zu begleiten. Daher ist es uns wichtig, den Schülerinnen Einsicht in die Bedingtheit literarischer Werke zu vermitteln und sie zu einer kritischen Auseinandersetzung mit Werk und Autor anzuleiten. Vor diesem Hintergrund entschlüsseln wir gemeinsam des Pudels Kern in Goethes Faust, beziehen Position zum Selbstverständnis des Bürgertums in Schillers Kabale und Liebe, bestaunen die Sprachkrise Hugo von Hofmannsthals, verfolgen das Schicksal Hiobs in Roths gleichnamigem Roman, entzaubern die Träumerei von Kleists Friedrich von Homburg, lassen uns von Herder auf die Spur zur Erforschung des Ursprungs der Sprache setzen oder machen uns mit Eichendorff und Brentano auf die Suche nach der blauen Blume.

Geeignete Literaturverfilmungen, Theater- und Museumsbesuche sowie Workshops, Exkursionen und die Teilnahme an Wettbewerben machen für die Schülerinnen die Vielfalt des Deutschunterrichtes auch außerhalb der Schule erfahrbar. Als lohnend hat sich zudem immer wieder sowohl in der Sekundarstufe I als auch in der Sekundarstufe II das fächerübergreifende Arbeiten erwiesen, etwa mit den Fächern Philosophie, Geschichte, Biologie oder Kunst. Gerade Unterrichtsreihen solcher Art bieten die Vorlage zu selbständiger Projektarbeit, die unsere Schülerinnen zu eigenverantwortlicher Präsentation ihrer Arbeitsergebnisse unter Verwendung moderner Textverarbeitungsmethoden auffordert.

Die Fachschaft Deutsch hat es sich zum Ziel gesetzt, Interesse an Sprache, Geschichten und Literatur zu vermitteln und die Schülerinnen mit einer guten Basis für sprachliches Empfinden auszustatten. Nur diese Basis ermöglicht es, später als Erwachsener für gesellschaftlich relevante Themen sensibilisiert zu sein, kritisch seine eigene Position einzunehmen und sich dabei an den Feinheiten und der Schönheit der deutschen Sprache zu erfreuen.

Leocadie Nalenz (2016)