Unterricht bei Schwester Michaela

Latein, der Sprache, der oft vorgeworfen wird, „tot“ zu sein, begegnet man im alltäglichen Sprachgebrauch viel häufiger, als man es vermutet. Egal, ob ich mir ein Video anschaue, mit dem Omnibus fahre, in einen Audi steige, Penatencreme benutze oder etwas prima finde, den Tango tanze oder das Fenster öffne – Latein ist im Alltag quicklebendig.

Viel häufiger und intensiver begegnet den Schülerinnen des St.-Theresien-Gymnasiums die lateinische Sprache aber tagtäglich in der heiligen Messe und im Gregorianischen Choral, z. B. in den gemeinsam gesungenen Gebetszeiten (Vesper, Komplet). Als Sprache der Kirche und da als Liturgiesprache, Konzilssprache und Sprache des Vatikans hat sie alle Zeiten überdauert. In der Feier der heiligen Messe in lateinischer Sprache verbindet sie Christen auf der ganzen Welt. Über lange Zeit war sie Weltsprache für Klerus, Theologen, Philosophen, Juristen und Mediziner. Gedanken antiker Autoren prägen auch heute noch unsere Denken: Literatur, Philosophie, Ethik, Kunst, Politik, Naturwissenschaften, Mythologie, Architektur und Rechtswissenschaften nahmen dort ihren Ausgang und wirken bis in die heutige Kultur hinein.

Somit ist es nicht nur der Spracherwerb, der die Schülerinnen des St.-Theresien-Gymnasiums ab der 6. Klasse erwartet, sondern auch die Auseinandersetzung mit dem Fortleben einer alten Kultur und christlichem Gedankengut bis in die heutige Zeit. Längst besteht Lateinlernen nicht mehr aus sturem Formenpauken. Das Anliegen eines neueren, kompetenzorientierten Unterrichts besteht in der Befähigung der Schüler, über das Lernen von Vokabeln und Grammatik eine Übersetzungsfähigkeit im Dienste der Texterschließung zu erreichen: Die Schülerinnen gelangen zu einem umfassenden Verständnis des lateinischen Textes und weiterführend anhand des Textinhalts zu Erkenntnissen über römische Kultur und Geschichte. Zu dieser Befähigung führt am St.-Theresien-Gymnasium zurzeit das Lehrbuch prima nova, mit dem von Klasse 6 bis Klasse 8 gearbeitet wird. In Klasse 9 erfolgt der behutsame Übergang zur Literatur, ausgehend von einer Übergangslektüre (z. B. aus der Legenda aurea des Jacobus de Voragine) bis hin zur Lektüre von Auszügen aus dem Bellum Gallicum des Gaius Julius Cäsar. In der Jahrgangsstufe 10, an deren Ende die Möglichkeit zum Erwerb des Latinums steht, beschäftigen sich die Schülerinnen bei uns zur Zeit mit den Inhalten einzelner Briefe Plinius‘ des Jüngeren und lernen die hohe Kunst von Ovids Dichtung anhand einzelner Texte aus seinen Metamorphosen kennen. Wann immer möglich werden Texte christlicher Autoren (z. B. von Augustinus) einbezogen und gewürdigt.

Latein als Mutter aller romanischen Sprachen schafft mithin die beste Grundlage zu jedem weiteren Spracherwerb: Sie schult logisches und analytisches Denken wie keine andere Sprache. In der Beschäftigung mit Satzanalyse, Textstruktur und Stilistik erwerben die Schülerinnen Fähigkeiten, die ihnen auch im Deutschunterricht zum Vorteil gereichen, was in einer Schule, an welcher Deutsch in der Oberstufe verpflichtend zum Leistungskursfach wird, nicht außer Acht gelassen werden sollte.

Aus diesen Überlegungen resultiert, dass ein frühestmögliches Einsetzen des Spracherwerbs „Latein“ den größten Nutzen für die Schülerinnen mit sich bringt.

Andrea Brockert (2016)

 

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