Unterricht bei Schwester Michaela

Dem gängigen Vorurteil zum Trotz ist Mathematik weder eine bloßes Hilfsmittel, um wissenschaftliche und technische Schwierigkeiten zu bewältigen, noch eine unnütze abstrakte Spielerei, die man später außerhalb der Schule nicht mehr braucht.

Vielmehr entspringt Mathematik dem menschlichen Wahrheitsdrang. Sie geht zunächst, wie menschliches Erkennen oft, vom sinnenhaften Erleben und vernünftigen Denken aus. Fragestellungen werden dann durch die mathematische Betrachtungsweise in klare Begriffe gefasst und in folgerichtige Schritte gegliedert. Ziel ist letztlich eine Erkenntnis objektiver Wirklichkeit, die über ein rein subjektives unbedachtes Meinen weit hinausgeht. Somit verlangt und schult Mathematik ein klares Denkvermögen, das gerade auch für einen gläubigen Menschen unerlässlich ist, will er sich doch nicht mit dem Wissen zufriedengeben, das gerade modisch ist, und mit den Kenntnissen begnügen, die für rein materielle Ziele notwendig sind.Mathematik trainiert gleichfalls das geistige Durchhaltevermögen – soll man in der Mathematik doch oft Probleme meistern, die man sich selbst nicht ausgesucht hat, trotzdem aber bewältigen muss –, auch das gewissermaßen eine Schule des Lebens und für gläubige Menschen in heutiger Zeit unumgänglich.

Zudem kann man an vielen mathematischen Sachverhalten die Erfahrung machen, dass es Dinge gibt, die dem Verstand ganz einleuchtend erscheinen, obwohl die Sinne und das sinnenhafte Vorstellungsvermögen damit überfordert sind. So kann man bereits in den unteren Jahrgängen staunenswerte Einsichten gewinnen wie die, dass es – bei ununterbrochenem sekundenweisem Zählen – über dreißig Jahre dauern müsste, bis eine Milliarde erreicht würde, oder dass es über 2,4 Trillionen Möglichkeiten gibt, 20 Schülerinnen auf 20 Stühle zu setzen und man über 77 Milliarden Jahre brauchte, um alle diese Möglichkeiten auch auszuprobieren, selbst wenn man jede Sekunde die Sitzordnung wechseln könnte und keine einzige Sekunde pausieren würde ...

Bedenkenswert ist es etwa auch, dass in der Wahrscheinlichkeitsrechnung richtige Aussagen über eine Gesamtheit von Vorgängen möglich sind, deren Einzelfälle unvorhersehbar sind, im sogenannten Zufall also doch Gesetze walten – eine für das Verständnis der Wirklichkeit bedeutende Erkenntnis. In der Oberstufe bietet darüber hinaus die Differentialrechnung viele Einsichten in nur noch geistig, kaum aber mehr sinnenhaft zu erfassende Wahrheiten, die man immer wieder begeistert betrachten kann.

So erweist sich Mathematik bei tieferem Eindringen – das wir im Unterricht immer wieder zu vermitteln versuchen – als wichtiger Bereich des abendländischen Denkens: Denn es gibt schon in der Mathematik Sachverhalte, die man konsequenterweise mit dem Verstand einsehen muss, obwohl sie sich der sinnenhaften Wahrnehmung eigentlich entziehen. Dabei kann die Erkenntnis reifen, dass nicht nur das wahr ist, was die Sinne erfassen können, sondern dass es eine geistig erfassbare Wirklichkeit gibt, die über die sinnliche Wahrnehmung hinausgreift. Und so lässt sich im Mathematikunterricht auch erfahren, wie menschliche Erkenntnis voranschreitet: vom konkreten Begreifen über sinnenhafte Kenntnis bis zum geistigen Durchdringen auch sinnenhaft nicht mehr vorstellbarer Sachverhalte.

Als letzte Stufe bliebe dann nur noch das Erkennen aus Gnade, das allerdings nicht mehr ins Fachgebiet der Mathematik gehört. Staunen über die Wirklichkeit hingegen sowie Betrachten geistiger Realitäten, welche in der Mathematik einen festen Platz haben, sollen einen Beitrag leisten, letztlich auch für die Wirklichkeit der Gnade immer offener zu werden.

Dr. Peter Wessel (2016)