Unterricht bei Schwester Michaela

Sport und Bewegung haben einen nicht geringen Stellenwert im Schul- und Alltagsleben der Schülerinnen. Laufengehen, Basketball-, Volleyballspielen oder Waveboard- und Inlinerfahren sind einige Beispiele, die die Schülerinnen gerne im Unterricht oder in ihrer Freizeit ausüben. Die Faszination und Begeisterung für die Bewegung und das Spielen drücken Lebensfreude, Energie und gute Laune aus und stellen eine sinnvolle und schöne Abwechslung zum Schulalltag dar. Schon der hl. Don Bosco schätzte das sportliche Spielen als „sinnvolle Erholung“ und „Auffrischung des Geistes“.

Das Ziel des Sporttreibens solle jedoch nicht einseitig nur auf den Sport an sich bezogen sein, sondern durch die Schaffung einer harmonischen Beziehung zwischen christlichen Prinzipien und sportlicher Betätigung eine Erweiterung der geistigen Dimension erfahren, sagt schon Papst Pius XII. Das Ideal der sportlichen Betätigung bestehe darin, „diese gemäß den religiösen und sittlichen Grundsätzen“ auszuüben. Das heißt konkret, dass die Sorge um den Körper zur intellektuellen und sittlichen Vervollkommnung der Seele diene und nützlich sei, die Erfüllung der Standespflichten durch im Sport frei werdende Kräfte erleichtert werde und die Verantwortung und Achtung vor Gott, der Gesellschaft und der Familie nicht gemindert werde. Hingegen sind die Vergötterung des Sports und der extreme Körperkult (Schönheitswahn und übertriebenes Bodybuilding) dem eigentlich hohen Ideal des Sports zuwider.

Den Sinn der sportlichen Beschäftigung fasst Dietrich Kurz 1986 in sechs Bereiche zusammen, den sechs Sinngebungen des Sports: Leistung, Gesundheit, Miteinander, Spannung, Eindruck und Ausdruck. Papst Pius XII. spricht in ähnlicher Hinsicht von einem Erwerb „moralischer Eigenschaften“ wie zum Beispiel der Selbstbeherrschung, der Achtung vor anderen, Mut und Ausdauer. Damit greift er im Prinzip teilweise das vorweg, was auch Kurz unter den sechs Sinngebungen versteht. Im Kernlehrplan Sport an Gymnasien in unserem Bundesland Nordrhein-Westfalen sind diese sechs pädagogischen Perspektiven Grundlage des Doppelauftrags im Fach Sport. Dieser besteht in der Entwicklungsförderung durch Bewegung, Spiel und Sport und der Erschließung der Bewegungs-, Spiel- und Sportkultur.

Dass der Sport nicht nur den Körper, sondern die Entwicklung des Menschen mit Leib und Seele anspricht, und somit zu einem ganzheitlichen Erziehungskonzept dazu gehört, zeigt auch die Einübung von Fähigkeiten im Sport, die Verstand und Wille betreffen. Zum einen werden die Jugendlichen zum Nachdenken und zu vorrausschauender Kräfteökonomie, zur intuitiven Einschätzung taktischer Manöver befähigt, zum anderen zu Pflichtbewusstsein, richtigem Ehrgefühl, Selbstüberwindung, Ausdauer in der Anstrengung und Ehrgeiz. Durch den Sport findet also bei Berücksichtigung des Ideals automatisch auch eine Erziehung zu den christlichen Tugenden statt. Der Papst nennt weitere positive Vorzüge des Sports, nämlich die Ausbildung von sozialen Tugenden (heute würde man von Sozialkompetenzen sprechen), z. B. Verantwortungsbewusstsein, Verzicht auf persönliche Vorlieben zugunsten des anderen, Rücksichtnahme, Ehrlichkeit und Treue. Damit nimmt der Sport großen Einfluss auf die Charakterbildung der Jugendlichen und spielt in der Ausbildung von persönlichen und sozialen Tugenden eine wichtige Rolle.

Gerade deswegen ist es auch angemessen (schon hinsichtlich der Erschließung der Bewegungskultur), eine vielfältige Auswahl an Sportarten anzubieten, welche zugleich der Übung der Tugenden, dem Ideal des Sports und dem Ideal des Frauseins nicht entgegensprechen. Das Erlernen und Trainieren von sportlichen Techniken, die Ästhetik und körperliche Ausdrucksfähigkeit und auch einfach die Freude und der Ehrgeiz am Spiel oder Wettkampf sind wichtige Komponenten, die im Sportunterricht vermittelt werden sollen. Zusätzlich bieten sportliche Exkursionen in den Kletterwald oder zum Kanufahren Anreize, auch die eigenen Grenzen zu überschreiten, und dienen als Ergänzung zum üblichen Sportangebot in Unterricht und Freizeit.

Tanja Minsch (2016)